Traditionsgeschmack
In meinem kulturellen Biotop im Westzipfel der Republik bin ich stets mit einem Bein in den Niederlanden oder in Belgien. Aber das fällt hier kaum auf, weil Lebensart, Dialekt und Essgewohnheiten diesseits und jenseits der Grenzen dieselben sind. Besonders stolz sind natürlich unsere belgischen Nachbarn auf ihre Pommes frites. Die im 17. Jahrhundert offenbar aus der Not geborene Erfindung, kleine Kartoffelstäbchen in heißem Fett zu frittieren, hat als Fast-Food-Ikone ihren Siegeszug um die Welt angetreten. Als Beilage sind Pommes frites nicht mehr wegzudenken. Aber auch als namensgebende Elemente in Imbissstuben und „Frittenbuden“ sind sie der Inbegriff der Schnellküche.
In unserer Gegend fährt man gerne mal schnell über die Grenze und geht zu „Frite d’Or“ nach Lichtenbusch oder zur „Fritüre Central“, wie man im Slang sagt, nach Kelmis (La Calamine) am Aachener Stadtrand. Der Imbiss hat noch kürzlich als Anbieter der „perfekten Fritte“ im Grenzgebiet des Dreiländerecks den Zuschlag des WDR-„Vorkosters“ Björn Freitag bekommen. Und wie man in meiner Heimatstadt gerne auf die Frage „Wo kann man denn in Aachen gut essen?“ mit „In Belgien!“ antwortet, so wissen wir Westzipfler: Die besten Fritten bekommt man jenseits der Grenze.
Der Grund: Der Geschmack ist authentischer, weil die Machart traditioneller ist. Sie berücksichtigt unter anderem bei der Verwendung von Fett oder Mayonnaise nicht in erster Linie den Blick auf die Cholesterinwerte, sondern auf den Geschmack. Rinderfett statt Pflanzenöl verschafft den goldgelb-knusprigen Kartoffelstäbchen einen unverwechselbaren Charakter. Hinzu kommt die nach königlichem Dekret aus dem Jahre 1955 im Vergleich zur abgespeckten teutonischen Variante fettigere und eigelbhaltigere Mayonnaise, die frisch-sauer und cremig eine typische Komponente darstellt.
Wenn ich Gäste aus anderen deutschen Gauen habe, belohne ich sie deswegen in der Regel nach einer Führung durch die Stadt Karls des Großen mit einem kleinen Ausflug nach Ostbelgien jenseits der Stadtgrenze und lade sie zu einer belgischen „Fritte“ ein. „Fritte“ ist übrigens der hier bei uns regional typische Begriff für den Fast-Food-Klassiker anstatt der von den Ruhrgebiet-Piefkes hoffähig gemachten Bezeichnung „Pommes“. Jeder sucht die Fritten in Geschmack und Konsistenz so traditionell wie möglich. Niemand ist hier begeistert von „Pommes allumettes“ in Streichholzgröße: Die Fritten sollen nicht zu weich und nicht zu hart sein und die Mayo üppig und cremig und leicht chamoisfarben, klassisch, traditionell und am besten „in eigener Herstellung“ und seit achtzehnhundertsoundso.
Als ich begann, die Alte Messe anzubieten …
Tradition gewinnt im Bereich der Kulinaria eine überraschende Bedeutung, eine, die ihr auf anderen Gebieten nicht zukommt, wo sie entweder links liegengelassen oder gar aggressiv bekämpft wird. Im kirchlichen Raum kann man dies immer dann erleben, wenn irgendwo der Begriff „Traditionalismus“ fällt. Ich erlebte dies vor Jahren, als ich damit begann, zweimal wöchentlich die Heilige Messe im „Alten Ritus“ anzubieten. Obwohl montags und samstags niemand zur Teilnahme verpflichtet ist, gab es damals ein Geraune in den Kreisen älterer Gemeindemitglieder, die sich durch die Implementierung dieser Form von Traditionspflege in das wöchentliche Gottesdienstangebot extrem gestört fühlten.
Allein das Wissen, dass in unserer Marienkirche die Heilige Messe in derjenigen Form zelebriert wurde, die sie in ihrer Kindheit erlebt hatten, machte sie nervös. Im Gegensatz zu denen, die es auf dem Gebiet der Pommes frites möglichst traditionell haben wollen, erregte die Alte Messe in traditioneller Form geradezu Abscheu bei den damaligen Angehörigen der Ü60-Generation. Sie sahen vor ihrem geistigen Auge Konrad Adenauer auferstehen, ihren strengen Pfarrer und ihren prügelnden Klassenlehrer.
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In der Aachener Zeitung machte sich seinerzeit eine Dame betagteren Alters per Leserbrief Luft und nahm ihre Zuschrift gegen die Verortung der Alten Messe in Herzogenrath zum Anlass, auch noch den sogenannten „Nick-Neger“ zu erwähnen. Dabei handelt es sich um das in den 1950er Jahren in den Kirchen weit verbreitete Figürchen eines kleinen schwarzafrikanischen Jungen, der, oberhalb einer Spendendose anmontiert, mit dem Kopf nickt, sobald man eine Münze als milde Gabe für die Kinder in Afrika hineinwirft. Heute gibt es den kleinen dankbaren Jungen allenfalls noch in Form eines kleinen Engelchens mit weißem Antlitz.
Sie wolle nicht in solche Zeiten zurück, wo die Alte Messe Standard war und „Nick-Neger“ erlaubt, empörte sich die Leserbriefschreiberin damals. Das Interessante an dieser Stellungnahme ist, dass sie – wie so oft – Tradition mit Vergangenheit oder womöglich mit Nostalgie verwechselte. Dabei steht – das zeigt unter anderem der Umgang mit den klassischen, traditionellen Kartoffelstäbchen aus der belgischen Rinderfett-Fritteuse – Tradition weder für Vergangenheit noch für Nostalgie – also für Vergangenheitspielen –, sondern für Gegenwart.
Tradition will die Wahrheit bewahren
Tradition ist ein auf in der Vergangenheit liegenden Erkenntnissen beruhender Transportprozess, dem es um nichts mehr geht als um die Gegenwart. Denn Tradition will Wahrheit, Schönheit, Echtheit um des Weitergebens willen bewahren. Deswegen schämen sich meine Gesinnungsgenossen und ich keinen Deut, wenn wir als Whiskyliebhaber nach dem „möglichst traditionellen“ Whisky Ausschau halten, bei dem wir wissen, dass dieser Anspruch den Whisky nicht alt macht, sondern – im Gegenteil – höchst gegenwartstauglich.
Selbst wenn man unter den ohnehin schon traditionsbewussten Fans von Highland Single Malts als Traditionalist gelten würde, wäre dies kein Makel im Ansehen, denn es wäre ja nur das Zeugnis einer gewissen Ernsthaftigkeit, die traditionelle Herstellungsmethode oder das Traditionsunternehmen als erhaltenswert zu betrachten. Es wäre jedem klar, dass dem Traditionalisten deswegen (!) die Vergangenheit der Destille nicht egal sein kann, weil ihre Herkunftsgeschichte das Produkt in die Gegenwart stellt, um das es geht. Der Prozess der Weitergabe ist nämlich die spannende Geschichte des Kampfes um die Bewahrung dessen, was bewahrenswert erscheint.
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In diesem Kampf mit all seinen Aufs und Abs bewährt sich das Bewahrenswerte durch das, was es besser, haltbarer, ergreifbarer – in der Whiskysprache: torfiger, milder, runder oder rauchiger – macht. Sodass wenn ein Getränk heute als gegenwartstauglich erscheinen will, es mit dem Prädikat „traditionell“ eben diese Gegenwartstauglichkeit schon bewiesen hat, noch bevor man es probiert hat. „Tradition“ steht in diesem Fall für „Qualität“ und führt dazu, dass man ob dieser Gleichung niemals schief angeguckt wird, wenn man auf einem möglichst traditionell hergestellten Produkt besteht.
Man würde – ganz im Gegenteil – als Kenner besondere Achtung genießen. Hier trennen sich leider die Wege von Pommes frites, Whiskys und den Ergebnissen liturgischer Tradition. Denn während beim Genießen Tradition ausdrücklich erlaubt und gewünscht ist, wird beim Beten und Singen dieselbe möglichst verschwiegen, damit niemand auf die Idee kommt, danach zu fragen und damit als „aus der Zeit gefallen“ zu erscheinen.
Papst Franziskus war ein Gegner der Alten Messe
Wenn es dann doch jemand tut, wird er behandelt wie der Drogenabhängige, der im Rahmen seiner Therapie in die Apotheke kommt, um Mittel zum Beikonsum zu erwerben. Er erhält dann seinen „Stoff“ – der Bemitleidenswerte, der „sowas noch braucht“. So und nicht anders empfinden es immer wieder die Anhänger der Alten Messe, wenn sie sich im – in diesem Fall keineswegs liberalen – Milieu liturgiereformatorisch agiler Zelebranten oder Gläubigen zurechtfinden müssen.
Derzeit poppt diese Diskussion über den Wert der Tradition erneut auf, wo nach den Bischofsweihen innerhalb der Piusbruderschaft die Frage diskutiert wird, welche Folgen für das kirchliche Leben es hat, wenn unklar ist, ob traditionelle Liturgie und – als deren Entsprechung – traditionelle Theologie Museumsstücke oder Geschmacksgaranten sind. Im Pontifikat von Papst Franziskus jedenfalls gab es eine eindeutige Verschiebung der Nuancen. Nachdem Papst Benedikt XVI. den positiven Umgang mit der liturgischen Tradition als unbedingt notwendig erachtete, um die Kirche in ihren kultisch-kulturellen Dimensionen zeitlos zu erhalten und damit gerade ihre immer zeitgemäße Gültigkeit und Glaubwürdigkeit zu bewahren, entbehrte seinem Nachfolger in dieser Hinsicht jedes Verständnis.
Als Kind seiner Zeit argwöhnte er, die Anhänger der Alten Messe seien Nostalgiker und damit eine Bremse auf dem Weg einer anschlussfähigen Kirche. In der Folge dieses – sagen wir vorsichtig – Missverständnisses wurden die Möglichkeiten, traditionelle Messen zu besuchen, wieder radikal zurückgefahren. Die im aktuellen Pontifikat kurzzeitig milde aufgeweichten Ressentiments gegenüber der Tradition als solcher und gegenüber der Notwendigkeit ihrer Beachtung stehen derzeit wieder hoch im Kurs.
Dennoch gibt es einen Lichtblick. Denn die Whisky-Tastings liturgischer Art erfreuen sich augenblicklich steigender Beliebtheit bei jungen Leuten. Das berichten alle „Anbieter“, und auch ich kann es bestätigen. Die suchenden Menschen zwischen 15 und 30 landen in der Regel in der Alten Messe und erleben dort nicht rückwärtsgewandte Nostalgiker, sondern prospektiv veranlagte andere junge Leute, die auf den Geschmack der Tradition gestoßen sind und dabei das entdeckt haben, was Tradition liefert: Geschmack an Gott und Sehnsucht nach einer Welt, in der das „Jetzt“ endgültig und ewig ist.
Die traditionelle Liturgie ist ihnen ein Hafen, der davon kündet, dass es einmal im Himmel, den die Liturgie abbildet, keinen Abend mehr gibt, weshalb es dann auch keine Mühe mehr braucht, die Wahrheit wie üblich an den Abenden der kulturellen Entwicklung in den neuen Morgen hinüberzuretten.
Warum die liturgische Tradition so wichtig ist
Die Entwicklung zeigt deutlich, dass kirchliche Tradition als zuverlässige Anbindung an die Quellen des Ursprungs nicht ins Reservat gesperrt werden darf – weder aus Gründen progressiver Entsorgung des Überkommenen noch aus Neid darauf, dass es der Alten Messe offenbar unmissverständlicher gelingt, das zu tun, was das Konzil von der Neuen Messe verlangt: Abbild des jenseitigen Kultes zu sein.
Eine Entsorgung der liturgischen Tradition – das hat sich schon einigermaßen herumgesprochen – würde die Kirche noch um ein weiteres geschmackloser machen. Denn es würde ihr das Entscheidende genommen sein: die Gewissheit der eigenen Herkunft und die Sehnsucht, sie in der Vollendung wiederzufinden. Dort wo alles so ist, wie es sein soll, weil es das Sollen nicht mehr gibt. Warum? Weil die Tradition, die Christus auf dem Ölberg nahe Jerusalem bei der Aussendung seiner Jünger angestoßen hat, die Menschheit zu Gott und nicht zu sich selbst führen will.
Man wird dann „hingerissen“ sein, im wahrsten Sinne des Wortes, „hingerissen“ vom Geschmack göttlicher Gegenwart. Und deswegen: Was einem beim Genuss göttlich-traditioneller belgischer Pommes frites auf der Zunge zergeht, das sollte der Seele im Raum des Heiligen nicht bestritten sein.
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