Die Brandmauer ist die Mutter aller Probleme
Es gibt Momente, in denen ein Haushaltsdokument mehr sagt als jede Parteitagsrede. Der Eckwertebeschluss zum Bundeshaushalt 2027, den das Kabinett am 29. April gefasst hat, ist so ein Dokument.
Nüchtern in der Sprache, verheerend in der Substanz: Schulden, die bis 2030 auf über 150 Milliarden Euro Nettokreditaufnahme jährlich anwachsen. Ein entstandenes Haushaltsloch von 60 Milliarden Euro – ohne Gegenfinanzierung. Kürzungen beim Wohngeld, beim Elterngeld, bei den Bundeszuschüssen zur Renten- und Krankenversicherung, neue Steuern, höhere Steuern. Die Schuldenbremse wird nicht gebrochen – sie wird durch Verfassungsausnahmen bis zur Unkenntlichkeit ausgehöhlt.
Das könnte als Krise verbucht werden, für die die Bundesregierung nicht verantwortlich ist, die stattdessen ausgelöst wurde durch den Nahost-Konflikt, den Energiepreisschock und die US-Zölle. So argumentiert die Regierung auch. Doch wird dabei das Wesentliche übersehen: Die Krise ist hausgemacht, weil sie eine lange Vorgeschichte hat. Und sie droht Deutschland zu zerreißen.
Brandmauer gegen unbequeme Meinungen
2015 ist der Schlüssel. Nicht nur, weil die Entscheidung, Flüchtlinge nahezu grenzenlos und damit ohne Kontrolle aufzunehmen, falsch war. Es war insbesondere die Art, wie diese Entscheidung getroffen und vor allem verteidigt wurde. Sie etablierte ein Muster, das bis heute regiert: Politische Eliten entscheiden, Einwände werden moralisch delegitimiert, und Haltung ist wichtiger als Argument und Fakt.
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Wer fragte, wie Integration in dieser nahezu unkontrollierbaren Dimension finanziert und organisiert werden soll, bekam statt einer Antwort die erwartete „richtige“ Haltung aufgezeigt. Und wer darauf hinwies, dass weder die „richtige“ noch die „falsche“ Haltung notwendige Politik ersetzt, wurde wahlweise ignoriert, korrigiert oder isoliert.
Dieses Muster wiederholt sich – bei Corona, bei der fortlaufenden Migrationspolitik, bei der Energiewende, bei der Klimapolitik, die die Wirtschaft zerstört, oder auch beim Selbstbestimmungsgesetz. Die Struktur ist immer dieselbe: Es besteht eine als unverhandelbar gesetzte Prämisse, ein moralisch aufgeladener Diskursrahmen – und eine Brandmauer. Nicht gegen Extremisten. Gegen andere, unbequeme Mehrheitsmeinungen. Gegen die Gefahr der Abwahl dieser Politik.
Von wegen „Links ist vorbei!“
Diese Brandmauer ist das entscheidende Phänomen, das Deutschlands Krise von einer normalen Regierungskrise unterscheidet. In funktionierenden Demokratien reguliert der Wähler politisches Versagen durch Abwahl. In Deutschland ist dieser Mechanismus gestört. Dafür braucht es keinen Verfassungsbruch. Es genügt eine informelle Vereinbarung, bestimmte politische Kräfte unabhängig vom Wählerwillen von der Regierung fernzuhalten und damit zu isolieren. Was vielleicht einmal als Schutzwall gegen echten Extremismus gedacht war, ist längst zum linksgrünen Instrument geworden, politische Alternativen und damit Regierungswechsel zu verhindern.
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„Links ist vorbei!“, hatte Friedrich Merz noch im Wahlkampf versprochen. Nur um jetzt, geführt von einer allzu dominanten SPD, stramm linke Politik zu machen. Das bedeutet Planwirtschaft, Subventionen, beständig steigende Belastungen der Unternehmen und der Leistungsträger, Umverteilungen oder überbordende Staatsschulden statt der dringend notwendigen Strukturreformen.
Denn die Brandmauer immunisiert jeden politisch, der mit der „richtigen“ Haltung auf der „richtigen“ Seite steht und zur „richtigen“ Koalition gehört. Die Ampel hatte bereits mit kollabierenden Umfragewerten immer weiter regiert. Die jetzige große Koalition ist die Fortsetzung genau dieses Strukturproblems.
Die Regierung bricht ihre Versprechen
Der Haushalt 2027 kann dabei als Symptom betrachtet werden. Er erzählt eine Geschichte über eine Regierung, die mit Wahlversprechen Macht erlangt, diese dann jedoch nicht einhalten kann. Stabile Renten, bezahlbares Wohnen, günstige Energie, soziale unbedingte Absicherung und klimaneutrale Transformation – alles gleichzeitig und alles ohne Zumutung und hohe Kosten. Die Rechnung kommt jetzt, und sie wird still verteilt – nach unten.
Neue Abgaben auf Zucker, Plastik, Tabak und Alkohol – Steuern, die strukturell regressiv wirken, also ärmere Haushalte stärker belasten. Kürzungen werden genau dort vorgenommen, wo der Staat seine Verlässlichkeit versprochen hatte, und politisches Umsteuern bleibt dort aus, wo der Kern des gesellschaftlichen Zusammenlebens und die Grundlage des wirtschaftlichen Erfolges liegen.
Eine kontrollierte Migration ist bis heute nicht in Sicht. Die innere Sicherheit wird zum Dauerproblemfall – nicht nur für Frauen und Mädchen in diesem Land. In der Wirtschaft bleibt Deregulierung wohl ewig ein frommer Wunsch.
Die Ränder wachsen
Deutschland ist das einzige große Industrieland, dessen Wirtschaftsleistung 2025 kaum über dem Niveau von 2019 lag. Sechs Jahre Stagnation – explizit teilweise wegen einer Politik, die Transformation verordnete, ohne die notwendigen Wettbewerbsbedingungen zu sichern.
Die Ränder wachsen. Das ist keine Beobachtung, die Genugtuung verdient, aber eine Erklärung verlangt – mindestens. Die AfD ist nicht stark, weil sie überzeugend wäre. Sie ist stark, weil ein wachsender Teil der Bevölkerung das Gefühl hat, nicht mehr gehört zu werden und keine andere Möglichkeit sieht, diesem Gefühl Ausdruck zu verleihen. Es ist die demokratische Reaktion auf ein System, das seinen Bürgern zu lange erklärt hat, was sie zu denken, zu sagen, zu fühlen und zu tun haben.
Demokratien verkraften Fehler. Gefährlich wird es jedoch, wenn die Bürger das Gefühl bekommen, die Kontrolle zu verlieren – und wenn diejenigen, die das aussprechen, mundtot gemacht werden. Dieses Gefühl ist weit verbreitet, und es wird nicht verschwinden, indem die Brandmauer immer höher gebaut und durch Verfassungsänderungen oder Anpassungen parlamentarischer Regelungen nun auch noch zementiert wird.
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Kommentare
Unter der "Brandmauer" versteht man ja eigentlich den Konsens unter den demokratischen Parteien, mit der rechtsextremen und antidemokratischen AfD nicht zusammenzuarbeiten.
Die Autorin lässt die AfD nun aber nahezu unerwähnt und fordert auch keinen anderen Umgang mit dieser Partei, sondern spricht von einer angeblichen "Brandmauer gegen unbequeme Meinungen" – hält sie diese für ein anderes Phänomen als die Brandmauer gegen die AfD das getrennt betrachtet wird, oder argumentiert sie hier über Bande gegen Brandmauer gegen die AfD? Das wird hier nicht klar.
Es gibt keine "Brandmauer gegen unbequeme Meinungen" – jeder durfte und darf für mehr oder für weniger Migration oder für Atomkraft-Einstieg oder -Ausstieg sein, durfte die Corona-Maßnahmen der Regierung nach Herzenslust kritisieren.
Die Behauptung, man "dürfe das nicht", ist eine wohl-eingeübte Flucht in die Opferrolle, welche zum Markenzeichen der AfD geworden ist.
Ich hoffe, dass diese Einlassungen nicht repräsentativ für die Richtung sind, welche die FDP einschlagen will, um ihren Abstieg in die Bedeutungslosigkeit abzuwenden – der Markt für eine "AfD light" dürfte sehr klein sein.
@Hans Müller Die Brandmauer ist eine bildliche Beschreibung der Tatsache, dass alle Meinungen, die vom allein links bestimmten Mainstream abweichen, verfemt und zum Teil sogar verfolgt werden. Da diese abweichenden Meinungen durchweg von der AfD verteten werden, wird auch diese Partei verfemt und geradezu verfolgt, wobei jeder Kontakt zu ihren Abgeordneten und Funktionären zum Staatsverbrechen hochstilisiert wird. Ihre vielen Millionen Wähler werden so zu outcasts gemacht und gemobbt. Das ist das Werk auch der angeblichen C-DU und der Einfluss der Linken auch in den Kirchen.
Da alle diese Propaganda (Abiturszeugnisse aus einem von AfD regierten Bundesland könnten in den anderen nicht anerkannt werden - eine absurde und abstoßende Idee eines CDU-Politikers, die gewiß drei Prozent Wählerverlust nach sich ziehen wird) sollte man schon berücksichtigen.
Wer sich die frühe Geschichte der Bundesrepublik Deutschland vergegenwärtigt, sieht zu Beginn eine hohe Vielfalt an politischen Parteien, die in der parlamentarischen Demokratie mitwirkten. Dazu zählte auch die "Deutsche Partei", die dem vorwiegend protestantisch geprägten, nationalkonservativen, der - in heutiger Diktion - "politischen Rechten" und zugleich dem streng antinazistischen Spektrum zugehörig war. Der Vorsitzende Heinrich Hellwege, in der NS-Zeit der Bekennenden Kirche verbunden, amtierte in den ersten beiden Amtszeiten der Regierung Adenauer als Bundesminister. Ohne die DP hätte es also den Bundeskanzler Adenauer nicht gegeben. Hellwege schied aus dem zweiten Kabinett Adenauer aus, weil er 1955 Ministerpräsident des Landes Niedersachsen wurde (bis 1959). Im zweiten Kabinett Hellwege (1957-1959) gehörte auch die SPD zu den Koalitionspartnern. Die DP, zusehends marginalisiert, verschwand aus der Bundespolitik, als die Fünf-Prozent-Klausel eingeführt wurde. Sie hatte ihre politische Hochburg vor allem im agrarisch geprägten Norddeutschland.
Mit Metaphern wie "Brandmauern" sollte man, und das in allen Lebensbereichen, m. E. generell vorsichtig sein. Bekenntnisse drohen die Sachpolitik zu verdrängen oder zu überlagern. Es ist ein Begriff aus dem Bauwesen. Ist dieser aber hilfreich für politische Diskussionen?
Die Autorin des Beitrags erweist sich als sehr meinungsfreudig. Die Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut. Die beklagte wirtschaftliche Stagnation ist aber vermutlich nicht nur der schwierigen politischen Situation in Deutschland geschuldet, sondern auch den Auswirkungen der internationalen Politik (Russlands Krieg gegen die Ukraine u.a.). Zahlreiche Thesen der Autorin könnten kritisch reflektiert und kontrovers diskutiert werden.
@Thorsten Paprotny "Kritisch reflektieren und kontrovers diskutieren" können die Deutschen gut. Und währenddessen werden wir immer weiter durchgereicht. Einfach traurig, wie ganz "schlaue Leute" mutige Menschen wie Frau Adler mit Neid und Argwohn begegnen. "Reflektieren und diskutieren" Sie ruhig "kontrovers" weiter, lieber Herr Paprotny, die totalitären Linken lachen sich ins Fäustchen und schaffen lieber Fakten, wie z. B. mit einer Gleichschaltung des BVerfG.
Es hat eine Weile gebraucht bis ich mich wieder erinnerte, woher ich den Namen Katja Adler kenne: sie ist vor einer Weile mal viral gegangen, als sie im Podcast "Jung und naiv" gefragt wurde was der Begriff "Woke" bedeutet und sich ... sagen wir mal sehr schwer getan hat mit einer Antwort.
@Hans Müller
Außer Meinungsmache haben Sie wirklich nichts drauf. Lesen Sie doch zumindest die Kommentare auf Ihre Einlassung; diese Kommentare zeigen deutlich wie substanzlos Sie argumentieren; z.B. hinsichtlich Ihrer völlig verfehlten Aussage zu der Covid-Kritik.
Toller Beitrag. Herzlichen Dank und großen Respekt an Frau Adler. Jedes Wort verdient Zustimmung. Wahrhaft und mutig. Respekt!